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HINGEGUCKT – #Metoo und Shitstorm in Deutschland

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Nun, ein paar Tage nach Veröffentlichung meines offenen Briefes sind meine Postkästen voll. Voller Dank und Zuspruch, was sehr wichtig für mich ist. Woraus ich Kraft schöpfen kann. Ich bin froh, dass sich der Shitstorm (noch) in Grenzen hält, aber die ein oder andere Beleidigung und Anfeindung entsetzt mich dennoch immer wieder aufs Neue. Umso wichtiger ist, dass Menschen, die um respektvollen Umgang kämpfen, immer lauter werden und sich nicht mehr die Butter vom Brot nehmen lassen. „Die große Respekt-Debatte“ (BILD Zeitung), die ein couragierter Filialleiter eines Supermarktes ausgelöst hat, ist ein sehr wertvoller Beitrag, die Menschen an ihre substanzlosen Vorurteile zu erinnern. 

Ich bekomme Zuspruch, diese Hater-Kommentare nicht ernst zu nehmen und mich auf die Unterstützung zu konzentrieren. Ja, das tue ich. Aber ich nehme die hasserfüllten Zurufe auch ernst. Ich frage mich, was für ein Mensch dahintersteckt, der mich nicht kennt und mir entgegenschleudert, dass ich wohl nichts hingekriegt habe in meinem Leben und deshalb jetzt ein anderes Leben zerstören müsse. Was ist bei diesem Menschen schiefgelaufen? Hat er meine und unsere Geschichten in den ZEITMAGAZIN-Artikeln gar nicht gelesen? (IM ZWIELICHT und DER SCHATTENMANN

Es ist einfach, auf mich und uns einzuprügeln, anonym versteht sich. Ich gebe allen Anlass dazu, werde ich doch immer noch als Schauspielerin bezeichnet, weil es mein erlernter Beruf ist. Mein vermeintliches Scheitern wird in den Vordergrund gezerrt. Aber selbst, wenn ich ein Superstar wäre, würde sich etwas finden, um mich zu denunzieren, denn ich habe es gewagt, in das Hornissennest eines verkorksten, kranken und kriminellen Systems zu piksen. Wenn ich jetzt sage, dass ich eine gute Köchin bin, einen Fallschirm packen oder mein Motorrad selbst reparieren kann, dann stehe ich mit den Angestellten hinter der Lebensmitteltheke und bin nichts mehr wert? Nein, sie will nur Geld machen und sich in den Vordergrund schieben – diese Meinung muss ich den Leuten lassen. Aber ich werde nicht müde, an ihr eigenes Gewissen zu appellieren und sie auf ein paar Grundregeln des Anstandes hinzuweisen. Die immer wiederkehrenden Fragen: Warum erst jetzt? Warum habt ihr es damals nicht gemeldet? Erstens haben ein paar Frauen besagte Vorfälle gemeldet, fanden aber kein Gehör und wurden sofort mit vernichtenden Drohungen mundtot gemacht. Zweitens kann ich mich nur ständig wiederholen: Ohne #Metoo wären wir alle immer noch nicht im Bilde. Ohne die Menschen, die sich gestellt haben, sich lächerlich erniedrigt und angreifbar gemacht haben, gäbe es bis heute – unter so vielem anderen – kein Wahlrecht für Frauen und wir würden immer noch die Straßenseite wechseln, wenn uns ein Mensch mit anderer Hautfarbe entgegenkommt.  

Giovanni di Lorenzo sagt in der Maybrit Illner Sendung „Macht, Sex, Gewalt – der späte Aufschrei“ am 1.2.2018:

„[D]ie Frauen, die sich jetzt so lange danach outen, was für Vorteile haben sie denn davon? Die meisten davon sind gar nicht mehr im Geschäft, im Gegenteil, sie haben sich auch wegen dieser Erfahrung zurückgezogen, sie laufen Gefahr, dass alles, was sie bis dahin gemacht haben, immer nur gesehen wird auf der Folie dieses einen Outings…“ 

In unserer narzisstischen Welt ist die Frage nach dem persönlichen Vorteil legitim. Und ich bin durchaus bereit, sie mir stellen zu lassen. Patricia Thielemann sprach von Heilung, die damit uns und der Welt zuteilwird. Heilung ist etwas Dynamisches. Irgendwann können wir uns vielleicht umdrehen und feststellen, dass wir ein bisschen geheilt sind. Aber ich kann die Frage noch nicht gänzlich beantworten. Ich erkenne bisher keinen persönlichen Vorteil, im Gegenteil. Ich stelle mich hinter die Lebensmitteltheke eines Supermarktes und lasse mich begaffen, beleidigen und versuche, trotzdem höflich zu bleiben. Noch trage ich, tragen wir den Stempel #Metoo frisch gedruckt auf der Stirn. Ich weiß warum. Aber wofür, weiß ich noch nicht. Sagt Ihr es mir! 


ENGLISH VERSION

Looked At

Well, a few days after the release of my open letter, my mailbox is full. Mostly full of gratitude and encouragement, which is very important to me and from which I can draw strength. I’m glad that the shit storm (still) is somewhat limited, but the appalling nature of some just add insult to injury. It is all the more important that people who fight for respectful dialogue become louder and louder and must be taken seriously. „The great respect debate“ (BILD newspaper), that has triggered a courageous supermarket manager to come forward, is a very valuable contribution to remind people of their substance-less prejudices.

I get encouragement not to take these hater comments seriously and to focus on the support. Really, I do. But I also take the hateful attacks seriously. I wonder what kind of human being is capable of it; someone who does not know me but who accuses me of staging a publicity stunt. Having probably not achieved anything in my life I therefore wanted to destroy someone else’s life now. It really makes me wonder: What went wrong with this person? Did he not read my and our stories in the ZEIT MAGAZINE? (IN TWINIGHT and THE SHADOWMAN)

It is easy to harass me and us, anonymously. I admit, I am still referred to as an actress because it is my learned profession. My supposed failure has been pulled into the foreground. But even if I were a superstar, there would be some reason to denounce me – for I dared to poke into the hornet’s nest of a messed-up, ill and criminal patriarchy. If I said that I was a good cook, could pack a parachute or repaired my own motorcycle, then I would stand with the staff behind the food counter, would I still not be worth anything? No, I just want to make money and throw myself in the limelight –  well, that I have to leave to the people to decide. But I never tire of appealing to one’s own conscience and pointing out some basic rules of decency. The recurrent questions: why now? Why did you not report it back then? Firstly, a few women did report these incidents, but were not heard and were immediately silenced with scathing threats. Secondly, I can only repeat myself constantly: Without #Metoo we still would not have a voice. Without the people who have stood up, those who have exposed themselves to scrutiny and humiliation, there would still not be – among so many others – women’s right to vote and we would even now cross the street if a person of a different skin colour approached us.

Giovanni di Lorenzo says in the Maybrit Illner show „Power, sex, violence – the late cry“ on 1.2.2018:

„[T]he women who come out after such a long time, what do they get out of it? Most of them are no longer in business, on the contrary, they have also recoiled (from public life) because of this experience, they run the risk that everything they have done until then, will always be seen through the veil of this one outing … „

In our narcissistic world, the question of personal advantage is legitimate. And I am quite willing to be asked. Patricia Thielemann spoke of healing that is given to us and the world. Healing is something dynamic. At some point, we may turn around and find we have healed a bit. But I can not be entirely sure about that yet. I do not recognize any personal benefit, on the contrary. I stand behind the food counter of a supermarket and allow myself to be gawked at, insulted and yet try to remain polite anyway. Still I’m wearing, we’re carrying, the stamp #Metoo freshly printed on the forehead. I know why. But for what, I do not know yet. Tell me!

6 Kommentare

  1. Dominique Beckelmann

    Juni 11, 2019 - 10:21

    Liebe Jany,
    es tut mir so wahnsinnig Leid für dich, dass du dir solche Kommentare anhören/durchlesen musst. Es kostet vermutlich sehr viel Kraft das nicht zu nah an sich ran zu lassen. Ich für mich kann sagen, dass ich sowieso voller Selbstzweifel bin und dass mich solche Kommentare sehr verunsichern und verletzen.
    Was in diesen Menschen vorgeht? Ich weiß es auch nicht aber ein paar Ideen dazu habe ich…. Vielleicht ist es eine Art der Flucht vor der Realität? Wenn es sowas nicht gibt, dann kann es mir nicht passieren? Wenn man jedes Opfer unter den Augen bestimmter Klischees sieht (zu freizügig, zu offen Männern gegenüber, zu viel geflirtet, war alleine unterwegs,…) dann gibt es Gründe für die Vergewaltigung und dann könnte man sagen „Wenn ich dies und das nicht mache, dann passiert mir auch nichts…“
    Ob das wirklich dahinter steckt das weiß ich natürlich auch nicht.
    Für mich war irgendwie auch immer klar, dass man mir das, gerade vor Gericht!, doch glauben muss, da ich mir auch nicht vorstellen konnte was die denn wohl meinen welchen Vorteil ich dadurch haben könnte…
    Meine Tochter war zu dem Zeitpunkt drei Monate alt, die anderen beiden Jungs waren auch gesund und munter, wir waren in den letzten Zügen unserer Bauphase, seine Frau war meine beste Freundin und die Kinder spielten gerne zusammen… Also welchen Vorteil sollte ich daraus ziehen?? Man wacht doch nicht eines Tages auf und denkt: „Puh ist mir langweilig, ich glaube ich zerstöre jetzt mal das Leben von jemandem und meins gleich mit… Vielleicht kann ich mir dann noch ganz entspannt ein paar Klinikaufenthalte gönnen…“
    Ja Jany, ich kann dir deine Frage also auch nicht wirklich beantworten. 🙁
    Bleib stark und lass dich von solchen Menschen nicht fertig machen! Ich bin, wenn ich dich eigentlich auch gar nicht richtig kenne, stolz auf dich und auf alle die für sich und andere Frauen kämpfen! Liebe Grüße,
    Dominique

    • Jany Tempel

      Juni 13, 2019 - 13:45

      Liebe Dominique,
      „Puh ist mir langweilig, ich glaube ich zerstöre jetzt mal das Leben von jemandem und meins gleich mit… Vielleicht kann ich mir dann noch ganz entspannt ein paar Klinikaufenthalte gönnen…“,
      hast Du wunderbar beschrieben. Das könnte ein Buchtitel sein. Menschen, die vermeintlich nichts mit der Thematik zu tun haben und sich echauffieren, haben definitiv etwas damit zu tun. Und ich möchte nicht wissen was. JY

  2. Dirk Dotzert

    Juni 15, 2019 - 17:15

    WO sind HIER eigentlich die VIELEN anderen betroffenen von sexueller belästigung, anmaßung, übergriffigkeit, gewalt, sexualisierten hierarchien, systemischer misogynie, etc. etc. in der film-, tv-, medien-, kulturszene …?!?
    wer jemals in diesen bereichen gearbeitet hat und behauptet, er/sie wisse nichts von diesen dinge, habe ’nichts gesehen‘, ’nichts mitbekommen‘ oder wie die vielen anderen ausreden, euphemismen, lügen lauten, der/die macht sich schuldig.
    es haben im rahmen der kurzen deutschen #metoo-aufregung eine ganze reihe namhafte leute in statements und interviews schlichtweg nicht die wahrheit gesagt. die mehrheit der täter sind so unbehelligt geblieben, sie wurden geschont, gedeckt, in vielen fällen, obwohl es so viele wussten. 98% der opfer trauen sich nicht öffentlich darüber zu reden, weil sie wissen, die meisten zeugen werden sie im stich lassen, sie werden keine solidarität erfahren, sie werden dabei nur verlieren.
    das problem ist die flächendeckende couragelosigkeit, die lügenkultur, der opportunismus, die scheinheiligkeit in den oberen etagen, die heruntertrickelt von den chefbüros der produzenten, geldgeber, ‚förderanstalten‘, tv-granden, intendanten etc. zu den produktions- und redaktionsstuben über die regiestäbe bis zu den castern, visagisten, ausstattern, etc etc. — fast alle etablierten sprichwörter und volksweisheiten sind wahr, so wie ‚der fisch stinkt vom kopf‘. der fischkopf fault zuerst, dann folgt der rest. und der rest ‚folgt‘: wer vorgestetzte erlebt hat, die selber zu den tätern gehörten, immer noch gehören, und alles wissen es, der/die wird schwerlich den mut aufbringen, dagegen etwas zu tun. das ist wie bei der mafia: omertá, noch so ein wahres sprichwort: man beisst nicht die hand, die einen füttert.
    natürlich gibt es auch zahlreiche leute in positionen, denen nicht so viel passieren würde, weil sie fest und sicher im sattel sitzen, seil sie ansehen genießen, bestens vernetzt sind, gute verträge haben, reich und/oder berühmt sind …
    also, WO sind hier diejenigen, die helfen könnten, die viel mehr wissen, erlebt, mitbekommen haben? es ist eine ziemliche schande, eine sehr sehr traurige, empörende, fast verzweifelnde moralisch tiefe grube, in der die überwiegende anzahl einer szene vetzogen hat, die in der gesellschaft als ‚kulturelle elite‘ betrachtet wird. zum fremdschämen.

    • Jany Tempel

      Juli 03, 2019 - 12:34

      Um so höher anzurechnen, wer sich positioniert!
      Vielen Dank für die Wut und den Mut!
      Auf die, die es sich leisten könnten.
      Denen, die Angst haben, die feige sind, nie wissen,
      ob sie nächsten Monat ihre Kinder füttern können,
      sei Verständnis entgegen gebracht. Und davon gibt es leider Viele.
      Und wo fängt der Wohlstand an, der uns so träge macht?
      Wie beschrieb es Dominik Elstner neulich in seinem
      Interview? Das Geld war immer knapp.
      Für uns ist seine Mutter eine Diva, eine Legende,
      aber wir sind und waren hier noch nie in Hollywood.
      Ich hab doch auch gekniffen. Wir. Viel zu lange.
      Esther Gemsch und Ute Christensen hatten es versucht, damals.
      Und nun: siehe da, was passiert, wenn man/frau redet?
      Wenn wir um Unterstützung bitten?
      Wir ernten Schweigen und Raunen, bishin zu Beschimpfungen, dass wir gescheiterte Existenzen seien, die sich nur wichtig machen wollen.
      Unsere Wirklichkeit sieht ganz anders aus.
      Denn was haben wir davon? Außer ein halbwegs ausgeglichenes Gewissen,
      sich der Ungerechtigkeit nicht untergeordnet zu haben.
      Der Rest ist nur Stress und Draufzahlen.
      Deshalb vielen Dank, lieber Dirk Dotzert!
      Jede Stimme hat viel Gewicht!
      JY

  3. Jörg Steffen

    Juni 22, 2019 - 10:02

    Es lohnt sich jeden Tag um Respekt zu kämpfen. Die Meeto Bewegung leistet hier einen wichtigen Beitrag.
    Auch ich wurde als vierzehnjähriger Hotelpage sexuell bedrängt und hatte seinerzeit nicht den Mut mich zu äußern, weder meinen Eltern, noch meinen Vorgesetzten gegenüber.
    Ich bin jetzt 59 Jahre alt und dass mich diese Erfahrungen immer noch beschäftigen, zeigt die Tragweite.
    Aber es geht hier nicht um mich, sondern um die allgemeine Verrohung, um unwürdiges Verhalten und Respektlosigkeit.
    Sexuelle Belästigung und Nötigung sind hier ein wichtiges Thema, aber nicht das einzige.
    Die Arroganz und Selbstherrlichkeit im Umgang damit ist erschreckend. Vor allem das Argument, man darf als Mann ja gar nichts mehr sagen ist schlicht und einfach dumm. Es wird immer noch viel zu viel gesagt, nämlich negatives, abschätziges, vor allem den Frauen gegenüber, die mit Ihren Erlebnissen in die Öffentlichkeit gegangen sind.
    Diese dämlichen Kommentare, warum habt Ihr solange damit gewartet und Ihr wollt euch doch nur wichtig machen sind mir ein Graus.
    Das liegt einfach daran, dass die Debatte jetzt aufgekommen ist und zugeschüttete Ereignisse wieder hochkommen.
    Am Verhalten der Menschheit und am Miteinander muss sich einiges ändern.

    Man glotzt nicht auf Unfallopfer, man behindert oder schlägt keine Rettungssanitäter, man verprügelt keine Schiedsrichter bei Kreisligaspielen, man hat ist nicht respektlos gegenüber Polizisten, man verbreitet keine Hasskommentare im Internet usw.. Es gibt noch viel zu tun.
    Herzlichst, Jörg Steffen

    • Jany Tempel

      Juli 03, 2019 - 12:38

      Lieber Jörg Steffen,
      vielen Dank für Ihr furchtloses Bekenntnis.
      Ja, in der Tat, es gibt noch viel zu tun.
      Vielen Dank, dass Sie „tun“!
      JY

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