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HINTER DEN KULISSEN – wenn die Seele zerbricht

HINTER DEN KULISSEN

Jetzt mach doch nicht so ein ewiges Theater!

Irgendwann musst du das Thema mal abhaken in deinem Leben. Das Problem ist, es lässt sich nicht abhaken. Wer einmal in dieses Theater des Lebens geraten ist, sitzt fest. So oder so.

Sexueller Missbrauch hat viele Gestalten. Findet hinter den Vorhängen statt. Erst wenn ein Vorhang auf geht, bekommt das Phantom ein Gesicht. Das Anlitz des Monsters wird offenbar und bekommt eine Bühne.

Ob es sich um das Lüften des eigenen inneren Schleiers handelt oder das Sichtbarwerden im Außen. Viele treten nie aus dem Schatten. 

Das seelische Zerbrechen findet unmittelbar während der Tat statt. Ob es nur einmal oder immer wieder ist. Ob gewaltlos manipuliert erzwungen oder brutal. Ab diesem Augenblick ist deine Psyche ein Scherbenhaufen.

Vielleicht ist es dir vorerst gar nicht bewusst, dass dir deine Unschuld und Naivität genommen wurden. Dass diese vergleichsweise kurzen raubgierigen Momente eines Täters den größten Teil deines ganzes restliches Leben ruiniert haben.  

Pola Kinski nennt es lebenslänglich.

https://www.bild.de/unterhaltung/tv/klaus-kinski/pola-kinski-schwere-vorwuerfe-gegen-mutter-28140738.bild.html

In manipulierten Missbrauchsmuster Fällen ist das Opfer sich lange selbst gar nicht gewahr, dass es missbraucht wird. Meistens gibt es in diesen Fällen kein schlagartiges Erwachen, sondern eine schleichende langsame Ahnung, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Wiederum andere leben ihr Leben permanent auf Halbmast, bis ihnen eines Tages eine böse Erinnerung vor Augen steht, die tief vergraben und überhaupt nicht erbeten war.

Vielleicht denkst du nach einer überfallartigen Vergewaltigung sogar, okay, war nicht so schlimm, ich hab‘s überlebt, anderen passiert auch Schlimmes, kann man abhaken und überstehen. Frei nach Ingrid Steeger: Eine Vergewaltigung geht schnell vorbei, zack zack, das war‘s.

Es lässt sich aber nicht abhaken. Nicht, dass andere Verbrechen nicht ebenso irreparable Traumata sein können. Aber wir wissen alle, wie privat Sexualität ist und auch sein sollte.  Wie nah wir vor dem Tor unserer Seele stehen, wenn es intim wird.

Spätestens, wenn Du merkst, dass dein Leben sich nicht mehr leben lässt, wie bisher, – weil dir vielleicht übel wird, wenn du deine beschmutzte Kleidung siehst, egal wie oft sie gewaschen wurde, – wenn du dich fragst, wie lange die Partikel deines Peinigers an dir kleben werden, – wenn du die Nähe deines Lieblingsmenschen nicht mehr zulassen kannst, oder deine Beziehungen in die Brüche gehen, – wenn dich deine Träume nicht mehr schlafen lassen, – wenn dir dein Geheimnis die Kehle zuschnürt, – wenn alles so durcheinander ist, dass dein tägliches Lächeln unerträglich wird, dann fängst du hoffentlich an nach Hilfe zu suchen.

Nach der Schockphase, dem Leugnen, dass das nicht stattgefunden haben kann, kommt die Verarbeitungsphase, die bohrende Frage nach dem Warum, die oftmals in: „Ich bin selbst schuld“ mündet.

Erfahrungsgemäß bleiben viele an diesem Punkt erstmal stecken. Sehr lange. Jahre, Jahrzehnte, wenn nicht für immer.

Vielleicht suchst du Antworten bei anderen Betroffenen. In der Psychologie. Philosophie. In Religionsmodellen. In der Esoterik. Viele suchen Erleichterung in Erklärungen, die sie schon vor unserem irdischen Leben ansiedeln. Ob das wirklich Heilung bringt, weiß ich nicht. Ich habe genug Menschen getroffen, die sich in ihrer Labilität in die nächste Abhängigkeit eines manipulativen Umfeldes begeben und sich immer weiter reinmanövriert haben.

Ich traf damals, in einem meiner hilflosesten Momente auf einen Diplompsychologen, der mich mit den Worten: Du hast ein Vaterproblem, den musst du dir erstmal rausvögeln, bedrängte. Ich ergriff sofort die Flucht. Aber er war davon überzeugt nur „er könne mir helfen“ und stalkte mich jahrelang immer wieder, natürlich anonym. Alle meine Anzeigen bei der Therapeutenkammer verliefen im Sande. Es scheint als praktiziere dieser gestörte Mann heute noch.

Jeder verarbeitet Traumata anders. Je nachdem wieviel Egozentrik und Narzissmus vorhanden sind, gibt es viele missbrauchte Menschen, die sich keinen Therapien stellen. Sie verdrängen, bagatellisieren und marginalisieren, während sie ihre gestörte Sexualität in Perversitäten oder Abnormen weiter entwickeln.

Missbrauchserfahrene Frauen, die sich als feministisch bezeichnen und dazu aufrufen Sexualität neu zu definieren. Männer mit eigener Missbrauchserfahrung, die besonders aggressiv gegen die Metoo-Bewegung wettern.

Künstler, die die Flucht nach vorne ergriffen haben und sich zum Sexsymbol kreierten, wie Marilyn Monroe, Madonna oder Pamela Anderson und so weiter.

https://www.gala.de/stars/news/interview/lady-gaga–madonna—co–vergewaltigt-und-missbraucht–20198478.html

Prostituierte die stolz behaupten, dass ihnen ihr Beruf Spaß mache. Wenn man ihre Biografien zurück spult, findet sich garantiert eine dramatische Erfahrung, die sie überhaupt erst zu dem werden ließen, was sie sind.

Opfer, die selbst zu Tätern werden.

Das halbwegs gesunde Menschenherz ist aber geschockt und versucht sich den Schmerz und den Schaden einzugestehen. Ist bestrebt die Reinheit der Seele wieder zu gewinnen.

Sex per se ist keine perverse Angelegenheit. Wie viele Menschen lieben und genießen leidenschaftlich beim Sex. Betrachten ihn als naheste Begegnung, die man haben kann. Ohne derbe Zutaten. Warum wird uns oktroyiert, dass Sex inzwischen eine etablierte Sportart ist? Pornos und Sextoys sind salongfähig, werden über Tages-TV verkauft. Überall wird Sex verkauft. Missbrauch wird verkauft. Es wird immer mehr und immer sichtbarer gequält und geschändet. Kinder werden sexualisiert.  Warum lassen wir alle diese Verrohung zu? 

Sollte man nun zu den Menschen gehören, die sich irgendwann auf den Weg machen, weil sie ihre Wunde heilen wollen, dann braucht das viel Aufmerksamkeit und Zeit. Wenn die Bemühungen von therapeutischen Profis endlich Einzug in die Tiefen des restlichen geschundenen Menschenverstandes halten und man die Fähigkeit entwickelt hat, den Eigenanteilen einen Platz zu geben, an denen sie nicht weiter am Selbstwert nagen, dann darf endlich die Wut die kommen. Dann darf man endlich sagen: Mir wurde etwas angetan, was ich nicht verdient habe. Das war großes Unrecht. Das war ein Verbrechen. In dem Wort „Verbrechen“ steckt das Wort „brechen“ drin. Aber auch dieser Schritt hat seine Tücke und muss noch lange nicht zur Heilung beitragen.

Denn er beinhaltet sich selbst als Opfer anzuerkennen. Ob jemals von Heilung gesprochen werden kann, weiß ich nicht. Außer, dass wir von der Illusion geheilt wurden, dass das Leben gut und gerecht sein könnte. Bitterkeit und Schmerz werden immer bleiben.

Bemühen wir uns unsere Kinder vor der Verrohung zu bewahren. Diese fiesen Stücke des Lebens für sie umzuschreiben. Die Vorhänge zu lüften.

Machen wir weiter Theater!

#togetherJany

5 Kommentare

  1. Stefan Mayer

    Juli 15, 2019 - 10:35

    Liebe Jany,
    ja, machen wir weiter Theater, hören wir nicht auf, Verbrechen Verbrechen zu nennen. Ich danke Dir so sehr für Deine Offenheit, Deinen Mut, Deine Tapferkeit, die auch mir Kraft gibt, immer weiter Theater zu machen. Denn sie sind immer noch da, die Monster, sitzen immer noch in den Büros, sind immer noch am Set, aber nicht nur bei uns, überall, überall dort, wo Menschen, meist Männer, sitzen, die glauben, mit ihrem beschissenen bisschen Wort, Entscheidungen lenken zu können. Erbärmliche, kleine Wichte, die Macht missbrauchen. Nein, es sind keine Opfer, weil beschissene Kindheit etc., es sind Täter.
    Jany, es ist so gut, dass Du redest und nicht aufhörst, für uns, für die vielen gesichts- und (noch) namenslosen Opfer, denn es geht um sie!
    Machen wir weiter Theater!

    • Jany Tempel

      Juli 21, 2019 - 17:18

      Leider waren Täter oft selbst Opfer. Soziopathie ist leider vererbbar. Aber, nein, das ist keine Ausrede für Verantwortungslosigkeit. Danke fürs Zutun, lieber Stefan Mayer!

  2. Helmfried Kober

    Juli 29, 2019 - 08:14

    Liebe Jany,
    Ich bin ein Mann und habe eine erwachsene Tochter. Für mich ist eine Missbrauchstat ein nur schwer vorstellbares, schweres Verbrechen. Da Vertrauen und Nähe als Waffe benutzt werden, liegt es außerhalb meiner mir bekannten Welt.
    Wie soll denn das gehen, macht man Hass statt Liebe? Sind diese Täter emotional so verkrüppelt, dass sie den Unterschied nicht kennen?
    Danke Dir für Deine unglaublich ehrlichen und tief treffenden Worte, die uns diese scheußliche Situation der Opfer nach sexuellem Missbrauch näher bringen

    • Jany Tempel

      Juli 29, 2019 - 15:34

      Lieber Kollege, danke für Deine Unterstützung! Ja, natürlich sind sie „verkrüppelt“, und es gibt erstens so unglaublich viele davon, dass man gar nicht mehr weiß, wo man anfangen soll und zweitens werden sie toleriert, bis hin zu unterstützt! Wir müssen für viel striktere Sanktionen und Gesetze kämpfen, für Opfer- und Täter – Therapien, für Bewusstseinswandel, gegen die Toleranz von Narzissmus, Machtmissbrauch, gegen Sexualisierung von Kindern und so weiter und so weiter.

  3. Nicki FiBe

    August 02, 2019 - 22:44

    Oh Jany, dass hast du Mal wieder sehr gut geschrieben!
    Den ersten Abschnitt finde ich auch sehr wichtig… Dass einem von außen auch noch ständig gesagt wird, wie man sich jetzt fühlen muss, wie man sich danach zu verhalten hat, wann es gut sein muss…
    Das trägt einen großen Teil dazu bei, wie lange man sich in welcher Phase befindet, wie sich das Selbstbild weiter entwickelt… Ja, es sind nicht nur die Täter die die Seelen zerbrechen, oft sind es auch noch zusätzlich das Umfeld, die Gesellschaft, die nochmal „eins drauflegen“.
    Es muss sich noch so verdammt viel tun! Und deshalb…. Genau! Machen wir weiter Theater!
    Zusammen!
    Lasst uns immer mehr werden!
    Lasst uns immer lauter werden!
    #TogetherJany
    #TogetherUnbreakable

    Danke Jany, dass du auch uns, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, eine Stimme gibst! Einer für alle, alle für einen!

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