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MeToo der anderen Art – zum falschen Zeitpunkt? Oder: Si tacuisses…





Eigentlich steht #MeToo ja für die gemeinsame weltweite Anklage wegen Missbrauchs und Misshandlung, Erpressung und Vergewaltigung.









Fast immer betrifft es das Benehmen von Ekelpaketen, die es aus ihrer Machtposition heraus taten oder penetrant versuchten (Weinstein, Wedel & Co). In seltenen Fällen ist auch mal Wichtigtuerei aus verletzter Eitelkeit oder späte Rache an jemandem dem man/ frau aus irgendwelchen Gründen eins auswischen will – ja, auch diese Fälle gibt es: mit für den Betroffenen bisweilen grotesken Folgen (Kevin Spacey), wo sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellt.

Seit gestern lernen wir nun mit Staunen und nicht ganz ohne Amüsement eine neue Spielart MeToo kennen – ohne Hashtag.

So hat Placido Domingo, ebenfalls in arger Bedrängnis durch hässliche harassment- Vorwürfe, soeben Beistand aus der Welt der Pensionistinnen erhalten – in Person einer ehemaligen Klatschkolumnistin der German Yellow Press. 
Beschreibt sie doch in einer deutschen Tageszeitung en détail, wie sie auch mal… 
Aber nicht etwa missbraucht oder angegrabscht worden sei, sondern im Gegenteil, selber…
…gerne hätte.


So erfahren jetzt Frauen, die sich vielleicht äußerst unangenehm an Placido Domingos Benehmen erinnern, wie die Journalistin bei einem Dinner des Startenors Serviette auf seinen Schoß gelegt und dabei ihre Hand etwas länger auf seinem Oberschenkel habe ruhen lassen. Uiuiui, und ihn nur deshalb nicht weiter beflirtet, bedrängt oder verführt habe, weil sie ja gerade in einer Beziehung gewesen sei und, yes! aus Respekt vor Domingos Ehefrau, die sie selbstverständlich auch gut gekannt habe…

https://janytempel.com/welt-er-hat-mit-mir-geflirtet-und-ich-habe-den-flirt-gern-erwidert/

Da ich auch nicht viel jünger als jene redselige spätverliebte Ex-Klatschkolumnistin bin, kann ich mich noch an die (ebenfalls umgekehrte) #MeToo Bewegung rund um Willy Brandt erinnern: Damals machte etwa eine ZDF-Moderatorin ihre Affäre mit dem Kanzlerkandidaten auf Tour im berühmten Kanzlerschlafwagen öffentlich, woraufhin sich eifrig weitere Damen, JournalistInnen zumeist, meldeten, die – Me too! – auch mal was mit Willi Brandt gehabt haben wollten – was dieser dann geschmeichelt mal bestritt, mal nicht.
Der SPD Kanzlerkandidat stand ja nicht im Verdacht, selber zudringlich geworden zu sein. Im Gegenteil.

Nun können wir gespannt sein, welche Spielart von #MeToo sich nun quotenmäßig durchsetzen wird. Bei (semi)kriminellen Fieslingen wie Weinstein, Wedel & Co sehe ich da wenig Chancen. Aber wer weiß, wen es noch alles erwischt, und wem dann aus welchem Altersheim heraus noch heiße Unterstützung zufließt.
#MeToo. 

Hach…
Nur, ob die Plauderei der verzückt aus der Zeit gefallenen Ex- Klatschkolumnistin nicht als Banalisierung des me too Problems im sehr falschen Moment daherkommt, und der Sache der vielen Mädchen und Frauen schadet, die tatsächlich bedrängt, erpresst, vergewaltigt wurden? Ja, vielleicht sogar auch vom charmanten Startenor Domingo? 

Wrong timing, I presume.

Hasan Cobanli

https://www.facebook.com/hasan.cobanli.7/posts/10156602035931814

2 Kommentare

  1. Hasan Cobanli

    August 19, 2019 - 14:55

    Ich kenne inzwischen dermaßen viele Frauen und Mädchen, denen unter dem Deckmäntelchen „man wird doch mal bisschen flirten dürfen“ oder „die soll sich mal nicht so anstellen“, Ekliges und Übles widerfahren ist – von Regisseuren, Dirigenten, Chefs, Flugkapitänen und so weiter, dass ich mich eigentlich ständig fremdschämen muss. Vor allem dann, wenn solches männliches Handeln auch noch von schwärmerischen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts verharmlost wird.

  2. Mia Weber

    August 19, 2019 - 18:46

    Liebe Frau Tempel,
    als eine gesellschaftlich interessierte Frau, lese ich auf Ihrer Seite und verfolge Berichte in den Medien. Ich muss zugeben, dass ich zutiefst erschüttert bin über diesen unsäglichen Sumpf, in dem wir alle zu stecken scheinen. Manchmal muss man aus purem Selbstschutz Abstand zur Thematik nehmen, weil es schier unerträglich wird, wenn so viel nach und nach an die Öffentlichkeit drängt. Was ich absolut inakzeptabel und unerhört finde ist, wenn Opfer in ihrer verheerenden Situation von wem oder was auch immer auch noch öffentlich verhöhnt werden. Unerträglich ist die Dummheit und Empathielosigkeit mancher Menschen.

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