Offizielle Website

RAUCH UND FEUER – Metoo, Zivilcourage und Aussage gegen Aussage

Sollte ich mich hiermit, – obwohl ich ab jetzt jedes Wort vor Veröffentlichung prüfen lasse und versuche mich innerhalb der freien Meinungsäußerungsregeln korrekt auszudrücken,- strafbar machen, informieren Sie mich bitte. 
Danke!

Schwierig, schwierig.
Heiße Eisen. 
Das wissen wir. 

Die Meldung, dass Christoph Waltz jetzt mit Woody Allen dreht, verstört mich ein wenig. 

https://www.spiegel.de/kultur/kino/christoph-waltz-oscar-preistraeger-spielt-in-woody-allen-film-mit-a-1270902.html

So sehr ich mich dagegen wehre, dass an den Missbrauchsvorwürfen gegen unseren geliebten Michael Jackson etwas dran ist, so sehr ich an seine kindliche und kreative Seele glauben will, drängt sich mir, bei aller Ungeklärtheit und der Unschuldsvermutung, ein Sprichwort aus dem sechzehnten Jahrhundert auf: 

Wo Rauch ist, ist auch Feuer. 
Andere sagen, es könne sich auch um heiße Luft handeln. 

Superstars wissen, wie transparent sie leben müssen, dass sie einen Deal mit dem „Öffentlichkeitsteufel“ eingegangen sind. Dass ihr Verhalten immer im Scheinwerferlicht steht. Dass schon allein ein Blick, ein Gedanke auf einem Foto Bände sprechen kann. 
Wäre da nichts, dann wäre da doch auch nichts, oder? 

Ich möchte mich so gerne in all diesen Fällen irren! 

Aber wie kann es passieren, dass einem überaus unschuldigen Menschen Missbrauch in die Schuhe geschoben wird? 
Kann das passieren?
Ja, es kann.

Die Statistiken über Falschbeschuldigungsraten scheinen verschieden auszufallen. 
Ich habe mal eine Zahl von 45% gehört. In dieser (siehe Link) scheint sie aber relativ niedrig zu liegen. 
Anschuldigungen durch (vermeintliche) Opfer seien noch seltener, denn oft kämen Verleumdungen von Dritten, etwa aus der Familie.  
Wobei darauf hingewiesen wird, dass viele Anzeigen gar nicht zum Verfahren kommen. Und Freisprüche oder die Einstellung eines Verfahrens in der Öffentlichkeit oft als Indiz dafür angesehen wird, dass das Opfer die Unwahrheit gesagt hat. 
Wie werden diese ungeklärten und nicht beurteilten Fälle in solchen statistischen Erhebungen berechnet? 

https://derstandard.at/2000088608243/MeToo-und-das-Recht-Sexuelle-Uebergriffe-ohne-Suehne

http://kunskapsbanken.nck.uu.se/nckkb/nck/publik/fil/visa/197/different

Die Vorwürfe gegen Woody Allen scheinen enorm und erdrückend. Schon lange vor Tarana Burkes Erschaffung des Hashtags #metoo. Die New York Times schrieb bereits 1993: „Das Gericht stellte in so gut wie allen Punkten seine elterliche Eignung infrage und nannte Allens Verhalten den Kindern gegenüber ‚missbrauchend und gefühllos.’“ 
2013 ergriff seine Adoptivtochter Dylan Farrow selbst das Wort und wird bis heute angefeindet. 
Ähnlich wie Pola Kinski, die ebenfalls 2013 den Mut hatte über den Missbrauch ihres Vaters, den großen unantastbaren Klaus Kinski zu berichten und auf so großen Widerstand stieß, dass ich mich wirklich frage, wie sie das ausgehalten hat. 

Bleiben doch unzählig viele Prominente übrig, denen niemand Missbrauch unterstellt. Nicht einmal um sich damit – um es aus Sicht der Metoo-Gegner zu formulieren – in den Vordergrund zu spielen oder Geld zu fordern. 

Und jetzt unter Berufung auf freie Meinungsäußerung:

Können wir uns Missbrauchsvorwürfe gegen Barak Obama vorstellen? 
Ich nicht.
Können wir uns Missbrauchsvorwürfe gegen Donald Trump vorstellen? 
Ich ja. 
Warum nur? 

Welche Farbe hat(te) die berühmte Besetzungscouch? Die Farbe der eigenen Einsamkeit und Unzulänglichkeit und Hoffnung auf ein bisschen Spaß ohne Konsequenzen? Die Farbe der Macht? Die Farbe der Verzweiflung? 
Welche Namen stünden drauf? Derer, die sie aufgestellt haben und derer, die sehenden Auges mitgemacht haben? 

Um es mit Ingrid Steeger Worten zu sagen:
„Eine Vergewaltigung geht schnell vorbei – zackzack, das war es“

Verhoeven sagt: Das mit Fassbinder kommt noch.
Heinrich Breloers Hauptbotschaft in seinem Biopic über Brecht sage aus: 
Bertolt Brecht hatte das Glück, dass auf dem Höhepunkt seines Ruhmes Mitte des 20. Jahrhunderts keine #MeToo-Bewegung aktiv war.

https://taz.de/Regisseur-Verhoeven-zu-Metoo/!5481077/

https://www.hollywoodreporter.com/review/brecht-review-1187805

Können wir uns eine Besetzungscouch in Tom Tykwer oder Wim Wenders Büros vorstellen? 
Ich nicht. 
Obwohl sich beide 2009 hinter Roman Polanski gestellt hatten, als dieser in der Schweiz verhaftet wurde. 

https://www.tagesspiegel.de/meinung/fall-polanski-im-voellig-falschen-film/1835584.html

Wie kommt es, dass ein Ulrich Tukur Mitleid für Dieter Wedel äußert? 

https://www.spiegel.de/spiegel/ulrich-tukur-ueber-die-missbrauchsvorwuerfe-gegen-dieter-wedel-a-1191108.html

Und so weiter und so weiter. 

Mein Antrieb damals, zu dem Casting zu gehen, das mein Leben verändern sollte, war wahrscheinlich genauso groß, wie der Traum von Hollywood an sich. 

Aber Herr Waltz ist doch schon in der Traumfabrik angekommen.
Hat wunderbare Rollen in den wunderbaren Tarantino Filmen gespielt und dafür Oscars bekommen. 
Was ist das jetzt bitte für eine Aussage, bzw. Nichtaussage im Zeichen der im Moment berühmt-berüchtigten Hashtags #metoo und #timesup dermaßen sehenden Auges wegzugucken. Hat er all die Kolleginnen mit den weißen Rosen in ihren schwarzen Kleidern nicht getroffen? 
Oder sieht er gar nicht weg? 

„Metoo“ zu sagen ist wirklich keine leichte Sache.
Selbst Prominente, die täglich mit der Öffentlichkeit zu tun haben, generell – sagen wir, geübt sind Anfeindungen auszuhalten-, schweigen zu diesem Thema sehr lange, lavieren sich raus, wenn sie gefragt werden oder bleiben gänzlich stumm.

Madonna fragt jetzt öffentlich, warum in der Musikbranche niemand den Finger erhebt, – sich an ihre eigenen Erfahrungen unzähliger unmoralischer Angebote erinnernd. Hat sie doch teilweise schockierend zu einem neuen weiblichen Verständnis von Sexualität beigetragen. 
Vielleicht gerade deshalb? 

https://www.focus.de/kultur/vermischtes/vor-ihrer-grossen-karriere-unmoralische-angebote-an-madonna-plattenvertrag-gegen-sex_id_10828557.html

Und Judi Dench verteidigt die Werke von Harvey Weinstein und Kevin Spacey. „Man könne jemandem kein Talent absprechen. Sonst könne man sich auch niemals ein Caravaggio-Gemälde ansehen, weil er ein Totschläger war.“ 

https://www.spiegel.de/panorama/leute/judi-dench-verteidigt-arbeit-von-kevin-spacey-und-harvey-weinstein-a-1274137.html

Was soll man davon halten? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. 
Ja, wahrscheinlich müssten dann viele wunderbare Werke aus unseren Sinnen verbannt werden. Vielleicht würden dann nur noch eine Handvoll moralisch einwandfreier Werke übrigbleiben. Das wäre wahrscheinlich ein dermaßen unüberschaubarer und schmerzhafter Gang durch die Kulturhistorie, dass wir das lieber gar nicht in Betracht ziehen. 

Wenn es aber so gelinde enden kann, dass ein Harvey Weinstein und seine Vorstandsmitglieder sich durch einen Deal mit über vierundvierzig Millionen von den zivilrechtlichen Klagen der Frauen befreien können, der zu allem Überfluss auch noch aus Versicherungspolicen bestritten werden soll, dann sind wir leider nicht sehr weit gekommen. 

https://www.spiegel.de/panorama/justiz/harvey-weinstein-medienberichte-zahlung-von-44-millionen-dollar-entschaedigung-vereinbart-a-1269161.html

Das hieße zukünftig, wir können eine Versicherung abschließen, uns nach Herzenslust danebenbenehmen und kriminell sein, denn wir sind dann ja gegen die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs versichert!? 

Und wenn nun ein Herr Waltz inmitten all dieser emotionalen Waldbrände stolz mit Woody Allen dreht, dann glaube ich, haben wir der Gesellschaft noch nicht genug eingeheizt. 

Dann müssen wir wirklich noch sehr viel Feuer spucken!

Oder?

Eure #togetherJANY

4 Kommentare

  1. Y.

    Juli 01, 2019 - 16:20

    Puhhh… Das ist eine menge Holz, zugleich so schwere Kost. Zu Woody Allen gibt es auch solche Meldungen und auch ganz andere Stimmen aus der eigenen Familie…

    https://www.stern.de/lifestyle/leute/sohn-woody-allens-widerspricht-missbrauchsvorwuerfen-8114070.html

    Sind die Vorwürfe wahr – verheerend. Sind sie nicht wahr – ebenso.

    Michael Jackson, ein Wohltäter, vielfach für sein soziales Engagement geehrt und zwei Mal sogar für den Friedensnobelpreis nominiert, einer der größten Entertainer aller Zeiten, ein Megastar, ein Genie auf der Bühne. Abseits der Bühne im Laufe der Jahre eine immer bizarrer werdende Erscheinung. Können am Ende Sympathie oder Fankult über Schuld oder Unschuldsvermutungen entscheiden? Kann ein Vollprofi im Berufsleben, der so im Fokus der Öffentlichkeit war, sich durch sein so naiv wirkendes Verhalten im Privaten selbst derart ans Messer liefern? Warum wehren sich seine Fans bis heute so vehement dagegen, dass etwas an den Missbrauchsvorwürfen dran sein könnte?

    Kann nicht sein, was nicht sein darf?

    Diese kultartige Verehrung dieses Mannes wird in dem Moment zur Farce, wenn man sich auch nur ansatzweise wagt, sich der anderen Seite zuzuwenden. Letztlich ist auch ein Megastar nur ein Mensch. Ein Mann im besten Mannesalter, vermutlich ausgestattet mit einer funktionierenden Libido, der sich nur allzu gerne mit kleinen Jungs ins Bett legte, sich manchmal für Tage einschloss, immer für längere Zeiten seine bestimmten Lieblinge an seiner Seite an seinem Leben teilhaben ließ.

    Die fast schon absurde Verteidigungshaltung seiner Fans vermag so schwerwiegende Dinge nicht einfach vom Tisch zu fegen. Von MJ heißt es stets, er sei ein Mann mit großem Herzen und einer sanften Seele gewesen. Stelle man sich einen Normalo-Mann mit demselben Verhalten vor. Würden da nicht bei jedem sämtliche Alarmglocken schrillen? Würde man da im Zweifelsfalle Attribute wie „großes Herz und sanfte Seele“ noch gelten lassen?

    Nun, wir alle waren, wie in allen diesen Fällen, nicht dabei. Leaving Neverland hinterlässt dennoch einen sehr bitteren Beigeschmack. Es fällt schwer, die Behauptungen nicht zu glauben, weil auch hier zu viele Menschen von wiederkehrenden Mustern berichten. J. Robson und Jimmy Safechuck wird unterstellt, sie hätten nur Geld im Sinn. Mit gesundem Menschenverstand könnte man genau das ebenso der Familie des Megastars unterstellen: noch heute dürften die Tantiemen gigantische Summen abwerfen, wenn Songs in den Radios dieser Welt abgespielt werden.

    Missbrauch passiert überall, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Die Täter sind oftmals Meister der Manipulation.

    Es ist wichtig diese Dinge in der Öffentlichkeit zu thematisieren, zu erfahren, wie Missbrauch möglich wird und funktioniert. Nur so kann man sensibel sein für Anzeichen.

    • Jany Tempel

      Juli 03, 2019 - 13:11

      Dein geposteter Bericht ist ebenso erschütternd.
      Ich bezog mich auf die gerichtliche Aussage, die ich zitiert habe.
      „Das Gericht stellte in so gut wie allen Punkten seine elterliche Eignung in Frage und nannte Allens Verhalten den Kindern
      gegenüber missbrauchend und gefühllos.“
      Ich gehe davon aus, dass es so eine Aussage sicherlich nicht ohne Gutachten gemacht würde.
      Missbrauchendes Verhalten scheint nicht strafbar.
      Und meist wird ein eingestelltes oder garnicht eröffnetes
      Verfahren als Unschuld interpretiert.
      Haben die Vorwürfe gegen Michael Jackson Bestand?
      Oder ist er Opfer einer Verschwörungstheorie?
      Wie sollen wir mit der Unwissenheit umgehen?
      Ist es so, wie ich vermute: Wo Rauch ist, ist auch Feuer?
      Oder war es fataler Weise doch nur heiße Luft?
      Die mal eben ganze Leben zerstört hat?
      Ich weiß es nicht, liebe-/r Y.

  2. Claudia Mehnert

    Juli 05, 2019 - 16:24

    Harter Tobak und viel zu denken….Es ist etwas dran an dem was Judy Dench sagt, und die Frage, die Du danach aufmachst, die frage ich mich auch. Ich bin zu keiner eindeutigen Antwort gekommen und denke noch….die Geschichte der Menschheit….
    Gewalt allerdings bleibt Gewalt, Missbrauch bleibt Missbrauch. Da kann es nicht sein, dass nicht geahndet wird, nicht wo wir heute leben, wie wir leben, es kann nicht sein, dass man sich freikaufen kann, weggesehen wird, geschwiegen wird, die Sache versickert bis Gras drüber gewachsen ist….
    Und ich will nicht an die vielen Familien denken, in denen Gewalt und Missbrauch stattfindet, Dinge, die nie ans Tageslicht kommen, Traumata, die verschleppt werden, vielleicht Generationen weiter….Ich selbst kenne genug Geschichten aus meinem Umfeld. Was muss passieren?

    • Jany Tempel

      Juli 06, 2019 - 08:54

      Viel! Viel muss passieren. Ich habe mich viel zu lange in Fatalismus verborgen. Und was das Feng Shui von Kunstwerken angeht, hoffe ich, dass sich blutige Werke von selbst aussortieren. An einem Film der Weinstein-Company haben viele Menschen mitgewirkt, deren Arbeit ich schätzen und genießen kann. Ebenso an einem Polanski Film. Aber in Anbetracht und im Wissen um seine Vergewaltigungen kann ich seine Filme dann nur noch als Produkte eines Soziopathen bewerten. Danke, liebe Claudia, dass Du das Wort ergreifst! JY

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *