Offizielle Website

WARUM ERST JETZT – warum die Opfer so lange schweigen

Ohne #Metoo gäbe es keinen Fall Harvey Weinstein, keinen Fall Dieter Wedel, keinen, all dieser vielen Fälle, die erst damit sichtbar wurden.

Ohne #Metoo würden unsere Chefs immer noch ungeniert auf unser „Holz vor der Hütten“ glotzen und es auch so aussprechen. Es hätten sich auch keine Männer zu Wort gemeldet, deren Beschreibungen nicht weniger erschütternd sind.  

Ohne #Metoo wären keine Beratungsstellen gegründet worden, keine Gesetzesänderungen wie #Neinheißtnein vorgenommen, es gäbe schlicht gar keine Debatte.

Til Schweiger erklärte das bisherige Schweigen der Betroffenen in einer Markus Lanz Sendung. Er zeigt mutig seine eigene Betroffenheit, versucht Gefühle und Gründe nahe zu bringen. Die Scham. Die Angst. Das Gefängnis eines Machtsystems.

Gisela Friedrichsen sagte: „nach zwanzig Jahren müsste es ja nun mal gut sein“. Die Frauen täten das nur, weil sie jetzt damit größtmögliche öffentliche Resonanz erfahren.

Dazu kann ich nur sagen: ja!

Die Öffentlichkeit: das sind wir alle. Das Thema geht uns alle an und kann nur von uns allen behandelt und damit eventuell auch geschützt werden.  Gisela Friedrichsen selbst ist die Öffentlichkeit. Ihre Haltung, sich als Gerichtsreporterin gegen die mediale Vorverurteilung auszusprechen, sei unbenommen.

Wenn aber ein Druckpotential so hoch ist, weil das Aufbrechen negativer verfestigter Strukturen und damit eine gesellschaftliche Veränderung nicht mehr aufzuhalten sind, dann kann es passieren, dass es in eine kollektive Revolution mündet.

Es gab schon beindruckende Versuche, wie zum Beispiel in den achtziger Jahren. Viele Aktivisten arbeiten schon seit Jahrzehnten an der Thematik und wurden kaum wahrgenommen.

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14333818.html

Um es wiederholt mit den Worten einer meiner Mitstreiterinnen zu sagen: Man wacht doch nicht eines Morgens auf und denkt: „puh ist mir langweilig… ich sag dann mal „Metoo“ und zerstöre damit das Leben eines anderen und meins gleich mit“.

Man sagt nicht mal eben einfach so „Metoo“. Dem geht ein innerer moralischer Kampf voraus. Es ist die Seele selbst, die sich zu Wort meldet, weil sie eine Erfahrung gemacht hat, die sie zutiefst verletzt und verstört hat. Der gute Glaube, die Neugierde, die Naivität an die Welt, die wir bisher gewahrt hatten, wird in den kurzen Momenten des Unrechts komplett zerstört.

Wenn wir dann zu den Wenigen gehören, die es wagen eine Anzeige zu erstatten oder wie jetzt nun öffentlich „Metoo“ zu sagen, dann sind wir plötzlich nicht nur ein weiteres Mal das Opfer, das jetzt jeder betrachten kann, nein, wir sind jetzt auch Täter. Woher sollen wir denn jetzt die Kraft nehmen diese Täterrolle einzunehmen? Für unser Recht zu kämpfen?

Wenn wir „Metoo“ sagen, verbildlichen wir das Geschehene. Die Menschen sehen unseren Stempel auf der Stirn. Manche gucken uns unverblümt an. So sieht also so ein Pechvogel aus. Fehlt manchmal noch, dass gefragt wird: „darf ich mal anfassen?“. Vom offenherzigen Shitstorm ganz zu schweigen.

„Wenn ich heute entscheiden könnte, ob ich lieber aussagen oder vergewaltigt werden würde…“, schreibt Samantha Geimer in ihrem Buch  THE GIRL – A LIFE IN THE SHADOW OF ROMAN POLANSKI“: „… ich würde mich für die Vergewaltigung entscheiden.“

https://www.welt.de/vermischtes/article120196714/Er-wollte-dass-ich-es-geniesse.html

Bisher waren unzählige dieser Fälle nicht sichtbar für uns. Aber wie es so ist mit einem schwelenden Geschwür. Irgendwann bricht es hervor und lässt sich nicht mehr ignorieren.

Die Metoo-Bewegung ist so ein Aufbruch. Geschützt im Kollektiv können wir sagen, was gesagt werden muss. Es geht uns alle an. Vermeintlich geschützt, denn letztendlich steht jeder Fall wieder für sich alleine da und wird dementsprechend betrachtet, verhandelt und beurteilt.

Für nicht verhandelte Fälle gilt die Unschuldsvermutung. Bei eingestellten Verfahren geht der Täter als unschuldiger Gewinner hervor. Es gibt Stimmen, die der Meinung sind, dass Sexualdelikte nicht verjähren sollten. Weil sie auch Mord sind. An der Seele. In Anbetracht der Konsequenzen, welchen sich die Betroffenen dann aber ausgesetzt wüssten, weiß ich nicht, ob das das richtige Ansinnen ist.

Viele, die sich jetzt dieser Revolution angeschlossen haben, haben es  gewagt, weil sie sich auf die Verjährung stützen können. Sie können sich ein klein wenig Gerechtigkeit zurück holen, ohne in die Mühlen der Justiz zu geraten. Sie können die Gesellschaft aufrütteln und zur kollektiven Heilung beitragen.

Dass es ein Tanz auf dem Drahtseil ist, wissen wir alle. Wir wissen, dass es Verleumdungen und falsche Beschuldigungen gibt. Aussage gegen Aussage.

Aber die pauschalen Vorwürfe, all die vielen Betroffenen würden „ich auch“ sagen, weil sie irgendwelche persönlichen unmoralischen Vorteile draus ziehen wollten, empfinde ich als nächstes Verbrechen an der Gesellschaft.

Stecke ich doch selbst in meinem beharrlichen Selbstzweifel, welch schlechter Mensch ich wohl in einem letzten Leben gewesen sein mag, sei diesen krass urteilenden Menschen im Sinne des Karma-Gesetzes entgegnet: möge ihnen und ihren Liebsten so etwas selbst niemals passieren! Mögen sie selbst nie in die Lage kommen ihrer eigenen Feigheit begegnen zu müssen, nicht mehr ein noch aus zu wissen, in der Ungerechtigkeit fast zu ersticken.

Deshalb erst jetzt.

Durch die Entstehung der Metoo-Revolte. Durch Tarana Burke, Alyssa Milano und all die vielen mutigen Silencebreaker. Ohne sie hätten wir unsere Dramen verborgen ins nächste Leben geschleppt, viele Täter unbeschädigt hinterlassen und diese sich selbst vergiftende Toleranz unseren Kindern vererbt.

Deshalb erst jetzt.

Eure #togetherJANY

11 Kommentare

  1. Dominique Beckelmann

    Juli 05, 2019 - 05:59

    Liebe Jany,
    dem ist nichts hinzuzufügen. Das hast du wieder sehr treffend geschrieben und es ist für mich wirklich schokierend, dass das einfach nicht in die Köpfe mancher Menschen gehen will.
    Für mich geht es jetzt am Montag das dritte Mal vor Gericht. Ich hoffe, dass die Richterin und ihre Schöffen nicht zu solchen Menschen gehören. 🙄🙏
    Ich kann leider nur bestätigen, dass es nicht schön ist, das ganze vor Gericht austragen zu müssen… Dazu kommen dann noch Zeitungsartikel und jeder im Dorf weiß Bescheid. Kein schönes Gefühl, dass so viele Leute solche intimen Details aus dem eigenen Leben wissen….
    Und das alles nur um Aufmerksamkeit zu bekommen? Aus Langeweile? Weil man es toll findet, sein ganzes Leben und das der Familie und das der anderen Seite auf den Kopf zu stellen? Eine Jahrelange Freundschaft über Bord werfen?….
    Ich hoffe so sehr, dass auch die Richterin einsieht, dass das doch wohl der pure Wahnsinn wäre und ganz sicher NICHT meine Motivation war.
    Dir wünsche ich weiterhin viel Kraft und Erfolg. Auf dass die richtigen Leute deine Artikel lesen und es endlich Klick macht.
    Ich glaube an dich! 💪
    Liebe Grüße!
    Nicki

    • Jany Tempel

      Juli 06, 2019 - 07:57

      Liebe Nicki, bitte bleib zuversichtlich und wisse, dass Du nicht allein bist! Wenn du magst, schreib mir Datum und Uhrzeit Deiner Verhandlung und ich werde fest an Dich denken und Dir Kraft schicken. Mach Deinen Fall öffentlich, – VORSICHT – so Du juristisch darfst und kannst. Hol Dir Unterstützung! Teile Deine Geschichte zum Beispiel auf http://www.bravemissworld.com Hast Du Erfahrung mit Opferschutz-Organisationen? Lass nichts unversucht und glaub fest daran, dass die Engel mit den Guten sind! Ich drücke Dir die Daumen! JY

  2. Claudia Mehnert

    Juli 05, 2019 - 16:14

    Absolut, so ist es…. Und ich kann nur hoffen und wünschen, dass sich tatsächlich etwas ändert, die Bemühungen um einen anderen Umgang, ein anderes Hinsehen, dass Dein „Kampf“ etwas verändert, der jener anderen betroffenen Frauen und Männer, dass die Dinge ans Licht kommen, die Taten geahndet werden. Mehr der tatsächlichen Opfer Mut haben und laut werden, dass Frauen wie Männer diesbezüglich geschützt werden, und überhaupt grundsätzlich und insgesamt einmal über „Verhalten“ von Männern und Frauen, (nicht nur) in Machtpositionen nachgedacht, diskutiert wird.
    Viel Kraft weiterhin, liebe Jany. Und hoffentlich viel Lebensfreude jenseits dieser Geschehnisse.
    Ich kann nur hoffen, dass das Thema nicht einfach schon wieder „durch ist“, wie man so schön sagt.
    Was ich nicht verstehe:
    Wieso verjährt eine solche Tat überhaupt? Wie kann das sein? Kann ich persönlich überhaupt nicht verstehen. Ist es nach mehr Jahren weniger schlimm? Oder verblasst?
    Gewalt ist Gewalt!

    • Jany Tempel

      Juli 06, 2019 - 08:16

      Ja! Die Respektlosigkeit wird schon auf dem Schulhof sichtbar. Eine Schilderung von neulich: eine Gruppe Jungs belustigt sich über Porno-Bilder auf ihren Handys, ein einzelnes Mädchen kommt vorbei und schließt ihr Fahrrad auf. Ich erspare uns die Kommentare. Jetzt können wir sagen: ist doch harmlos. Nein, ist es nicht. Es ist ekelhaft. Und die Gewalt findet bereits in den Köpfen statt. Liebe Claudia, ich hoffe auch. Und da das Hoffen allein zu wirkungslos ist, zeigen wir schonungslos mit dem Finger, sprechen laut aus und fordern diese Auseinandersetzung! Danke Dir sehr, liebe Claudia Mehnert!

  3. Monika

    Juli 06, 2019 - 19:32

    Liebe Jany,
    ich verstehe sehr gut, wie schwierig es ist, ein Ereignis zu beweisen, wenn es keine Zeugen gibt und viele Jahre vergangen sind. Aber als Opfer gibt es keinen Tag, um zu vergessen, was uns betroffen hat und welche Gefühle uns begleiten haben: Überraschung, Hilflosigkeit, Angst, Demütigung und Scham. Und das sind die Gefühle, die uns endlich Kraft und Mut gegeben haben, der ganzen Welt zu verkündigen, was mit uns passiert ist. Ich habe Verständnis für alle Menschen, die Erfahrungen mit Vergewaltigung, Gewalt und Belästigung gemacht haben. Ich fühle mit ihnen von ganzem Herzen mit, um zu sehen, wie auf sie reagiert wird, wenn man ihnen nicht glaubt -und die Täter werden mit Mitgefühl behandelt. Jany, ich bin mit ganzem Herzen bei dir und ich zähle auf Gerechtigkeit. Viel Kraft. Moni

    • Jany Tempel

      Juli 07, 2019 - 10:45

      Das bedeutet, dass man sehr genau hingucken muss. Manche Fälle sind sehr eindeutig. Andere nicht. Und der Unterschied der Bewertung der Justiz und der Urteile der Menschen ist oft sehr groß. Danke für Deine guten Wünsche, liebe Moni!

  4. Dominique Beckelmann

    Juli 09, 2019 - 21:53

    Liebe Jany,
    ich habe mir gerade den Link angesehen, den du mir vorgeschlagen hast… Tolle Seite!! Nur leider kann ich nur sehr schlecht Englisch.😓 Ich weiß… Ich sollte mich schämen.😅 Nun hätte ich noch wieder einiges zu berichten gehabt. Gestern war der Gerichtstermin. Wieder eine große Katastrophe und von Opferschutz keine Spur. Letzten Endes gab es keinen richtigen Prozess… Er wurde vertagt. Ich muss jetzt erst zu einer Gutachterin und das ganze kann sich wieder über Monate hinziehen.
    Am liebsten hätte man gehabt, dass ich die Berufung (bei der er das letzte Mal verurteilt wurde) zurückziehe. Wohl bemerkt machte die Richterin diesen Vorschlag. Ich bin wirklich fassungslos… Wie war das mit dem „mundtot“ machen? 😡

    • Jany Tempel

      Juli 10, 2019 - 08:29

      Liebe Nicki, http://www.bravemissworld.com kannst Du vom Browser als übersetzte Seite anzeigen lassen. Ich kann Dir nur Durchhaltevermögen wünschen. Wir müssen daran arbeiten, dass Sexualstraftaten gnadenloser behandelt werden. Erbarmungslos! Das geht so nicht weiter! JY

  5. Mel

    Juli 10, 2019 - 11:48

    Liebe Jany,
    ich kann mich noch sehr gut an jene Lanz-Sendung erinnern, an das, was Til Schweiger sagte und auch Frau Friedrichsen. Ich habe mir alles gleich mehrfach angesehen und war beeindruckt, dass ein Mann die Dinge so klar auf den Punkt bringt. Auch wenn ich stets hin- und hergerissen war, ob man sich äußern sollte, oder doch besser schweigen… Es ist wohl doch so, dass man den Mund aufmachen muss, wenn sich etwas ändern soll. Und liebe Frau Friedrichsen, manchmal, wenn sachliche Argumente einen nicht weiter bringen, da kann Polemik durchaus angebracht sein.
    Liebe Jany, ich lese regelmäßig auf dieser Seite und finde Ihre Beiträge sehr wichtig.

    Warum erst jetzt? Ich habe verstanden, warum erst jetzt. Danke für Ihren Mut, und diese Klarheit! Vielen vielen Dank.

  6. Helmfried Kober

    Juli 29, 2019 - 07:49

    Liebe Jany,
    Ich weiß, es geht dir längst nicht mehr um Dieter Wedel und Taten, die auf seine begrenzte geistige Kapazität zurückzuführen sind. Es geht um diese unterinformierten Mitläufer, Frauen und Männer.
    Gegen die Dämlichen kann man nichts machen, aber gegen die Unterinformierten. Wir sind doch im Informationszeitalter. Bitte kämpfe weiter! #MeToo war erst der Anfang.

    • Jany Tempel

      Juli 29, 2019 - 15:43

      Lieber Helmfried Kober! Ich freue mich sehr über Deine Stellungnahme, auch besonders deshalb, weil Du ein Kollege Kameramann bist, so weit ich weiß nicht selbst betroffen und Dich hiermit trotzdem positionierst und unterstützt. Es geht uns nämlich alle an! Ich gebe mir Mühe! Herzlichen Dank und viele Grüße nach München! Jany

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *